Seit nunmehr fast einem Monat geht die Debatte um die Wikipedia hin- und her. Ursache war die Löschung des Wikipedia-Eintrags von MOGiS mit - vorsichtig gesprochen - strittiger Begründung, die von fefe kritisiert wurde.
Es gab Aufruhr, zum Teil fiel heftige, aber zu einem guten Teil eben auch berechtigte Kritik an der Wikipedia.
In der Wikipedia unterdessen wundert man sich über den Sturm der Entrüstung, rümpft die Nase über die vielen IPs, spricht von "fefes Jüngern" und unterstellt "Sockenpuppen" (d.h. ein Benutzer, der unter mehreren Accounts auftritt, um z.B. Diskussionen zu beherrschen oder Edits "unauffällig" wirken zu lassen), anstatt zu akzeptieren, dass in solch einer aufgeheizten Stimmung eine hohe Aufmerksamkeit völlig normal ist.
Ein großes Problem der Debatte ist, dass den Kritikern die Wikipedia nicht etwa egal ist, sondern beiden Seiten etwas an der Wikipedia liegt und genau dies zu den emotionalen Debatten führt.
Eine vom Wikimedia e.V. initierte Podiumsdiskussion brachte keine Besserung, im Gegenteil, bei vielen wurde der Eindruck noch verstärkt, dass Einiges im Argen liegt.
Einzelnen auf beiden Seiten scheint mehr daran gelegen zu sein, den Konflikt anzuheizen, als konstruktiv mitzuarbeiten. Wenn ein Wikipedia-User versucht, mit Löschanträgen einen guten Teil der Kategorie Chaos Computer Club zu eliminieren. Fefe schürt Spekulationen über einen Fork (wobei wohl die technische Seite - bei allen Unzulänglichkeiten der Wikimedia-Software wohl das geringste Problem wäre. Die Schwierigkeit bestünde Mechanismen zu entwickeln, dass sich das neue Projekt in ein paar Jahren nicht genauso entwickelt wie die Wikipedia. Allein hierfür würden vermutlich mehrere Monate der Diskussion/Feinabstimmung nötig sein, im laufenden Betrieb könnte es zu spät sein. Von der Notwendigkeit, die Userbasis zu sammeln mal ganz abgesehen - Citizendom Citizendium lässt grüßen). Er kritisiert ein paar Tage später die Löschung einer Spende mit bissigen Kommentar - die evtl. völlig zurecht erfolgte. In der Folge wird der Wikimedia-Spendenticker von 1-€-Spenden mit Negativkommentaren beherrscht (sollte die Mehrheit der Spender korrekte Spendendaten angegeben haben, dürfte das Endergebnis für die Wikipedia sogar positiv sein - Kleinvieh macht auch Mist).
Da es ja jetzt modern ist, auf die Wikipedia zu schießen, gehen nun viele auf Wikimedia los und mokieren sich darüber, dass nur 3% der Ausnahmen für die Technik der Wikipedia eingesetzt werden, während 97% z.B. für Personalkosten, Reisen, Rechtsberatung und Bewirtung draufgehen. Schön, dass ihr in der Lage seid, den Tätigkeitsbericht zu lesen. Vielleicht wäre es gut gewesen, ihn ganz zu lesen? Wenn Wikimedia für die Wikipedia Veranstaltungen organisiert kostet das Geld. Wer schon mal ehrenamtlich gearbeitet hat, für den ist es nichts besonderes, wenn ehrenamtlichen Wikipedianern, die die Wikipedia auf einer Messe vertreten, die Fahrtkosten gezahlt werden. Personalkosten fallen nun mal an, aber die Personen arbeiten ja nicht nur für den Verein, sondern in der Weiterbildung, Beratung und der Programmierung für die Wikipedia. Wäre es besser, wenn sie mit dem kompletten Geld Server kaufen, die im Leerlauf das Klima anheizen? (Trotzdem sollte wohl der Spendenaufruf klarer formuliert werden, von den Lesern zu erwarten, dass sie beim "Betrieb der Wikipedia" zwischen der weltweiten Wikimedia Foundation und dem deutschen Wikimedia e.V. unterscheiden sollen, setzt etwas viel Wissen voraus und ist grob mißverständlich)
Wirklich konstruktive Beiträge, wie der von Kristian Köhntopp bleiben in der Minderheit.
Das Problem ist aber doch, dass eine konstruktive Diskussion stattfinden muss. Offenbar wird viel "im eigenen Saft", in geschlossenen Zirkeln diskutiert (z.B. in der Wikipedia). Was aber wirklich notwendig wäre, ist ein offener Dialog an neutraler Stelle. Hierzu wäre auch eine richtige Diskussionplattform nötig, ein Wiki eignet sich zum Diskutieren meiner Ansicht nach denkbar wenig. Es wird Zeit, dass sich ein paar "prominente" Nutzer der Wikipedia und "prominente" Kritiker/Blogger zusammen schließen, um ein Konzept zu entwickeln, wie die Wikipedia besser werden kann. Natürlich würde so etwas keine Erfolgsgarantie bieten, schließlich müsste man beide Seiten am Ende davon überzeugen, eine sinnvolle Lösung gefunden zu haben. Trotzdem würde ein (strukturierter) Prozess einsetzen, in dem beide Seiten - sinnvoll - miteinander reden, anstatt der anderen Seite nur Vorwürfe an den Kopf zu werden. Eine straffe Moderation wäre notwendig, um zu verhindern, dass destruktive Beiträge die Emotionen hochkochen lassen. So könnten dann in Ruhe Lösungsvorschläge erarbeitet werden, die dafür sorgen, dass neue Benutzer einfach in die Wikipedia integriert werden, neue Artikel nicht binnen Sekunden gelöscht werden (von vollkommenen Unsinn mal abgesehen) und z.B. verpflichtend eine 3-7 tägige Qualitätssicherung durchlaufen müssten (in der auch die Relevanz dargestellt werden muss), bevor ein Löschantrag gestellt werden kann. Dies könnte ja in einer Art "Inkubator" geschehen, der von den bewährten Artikeln abgetrennt wird.
Wichtig ist aber, dass aus dem Gegeneinander ein Miteinander wird. Aus Vorwürfen müssen kompromißfähige Lösungsvorschläge werden.
Wem wirklich etwas an der Wikipedia liegt, der tue den ersten Schritt.





Dort habe ich versucht zu notieren, was meiner Meinung nach in der deutschen Wikipedia im Eimer ist, und wie man diese Probleme aus meiner Sicht angehen könnte, was also für mich das Ziel des ganzen Diskurses hier sein müßte. Das - also Ziele zu notieren - würde den meisten Personen an allen erkennbaren Fronten gut tun. Denn nur so ist man sich bewußt, wofür man sich hier streitet und wo man überhaupt hin will.
"Die sollen mal alle weggehen" ist halt kein Diskurs- oder Kommunikationsziel, wird aber von vielen irgendwie latent mitgesendet. Solange das passiert geht es nirgendwohin und vor allen Dingen auch keiner weg...
Das ist ganz offenbar unerwünscht, und gewisse Irritationen und Unklarheiten bei der schnellen Rezeption des Spendenaufrufes scheinen sehr erwünscht zu sein. Oder gibt es eine andere Deutung für diese kleine Korrektur gegen allzu große Klarheit, dass eine Spende an den Wikimedia Deutschland e.V. eben nicht in erster Linie eine Spende für die Wikipedia ist?
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia%3ASpenden&action=historysubmit&diff=66753356&oldid=66753003
Was aber nichts daran ändert, dass eine Klarstellung allen Beteiligten gut tun würde. Ich sehe es immer noch so, dass eine Spende an Wikimedia der Wikipedia zu Gute kommt - nur ist die Wikipedia eben mehr als ein Haufen Server.
Noch das positivste daran ist, dass vielen Menschen jetzt klar wird, wie denn die Organisationsstrukturen in der Wikipedia sind - mit einer klar formulierten Erklärung auf der Spendenseite könnten es natürlich noch viel mehr sein...
Die Wikipedia ist kein geschlossener Zirkel. Es steht jedem frei, sich an der Wikipedia zu beteiligen.
Du meinst, sowas wie das Mentorenprogramm?
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:MP
Du meinst, sowas wie die Löschregeln
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:LR
die jedem Artikel nach einem Löschantrag eine siebentägige Frist setzen, in der dann zB die Relevanz herausgestellt werden kann?
In einem Gemeinschaftsprojekt, in dem jeder mitmachen darf, solange er nicht gegen die Grundregeln verstösst, braucht es ganz sicher nicht überwiegend Aussenstehende, die den Wikipedianern mal zeigen, wie ihr Laden so zu laufen hat. Ich finde deinen versöhnenden Ansatz ja schön und gut, aber die meisten der kritischen Stimmen in Blogbeiträgen und Comments, die ich in letzter Zeit gelesen habe, machen vor allem eins klar: Die dahinterstehenden Personen haben zumeist schlicht keinen Schimmer, wie die Wikipedia eigentlich funktioniert. Leute, die sich nie oder kaum an einem Projekt beteiligt haben, forden, dass dieses wegen der Löschung eines ihnen nahestehenden Vereins komplett umgekrempelt wird. Eigentlich völlig lächerlich, aber leider sind diese Personen eine mediale Macht. Sogar Die Zeit und das Handelsblatt berichten mittlerweile davon. Das Motto scheint zu lauten: "Wir heizen euch ein, bis ihr nachgebt!" Zum Kotzen. Und dass das nicht einmal funktionieren wird, weil die Wikipedia eben nicht aus einem homogenen Verband besteht, den man durch angedrohten Reputationsverlust einschüchtern kann (weswegen man sich ja auf die für RK-Fragen komplett unzuständige Wikimedia als Zielscheibe konzentriert), merken sie auch nicht.
Besonders abstrus finde ich in diesem Zusammenhang, dass die meisten dieser Kritiker sich ansonsten vor allem damit beschäftigen, exakt die Vorgehensweise zu bekämpfen, die sie selbst anwenden. Zum Beispiel, wenn aussenstehende Politiker der Netzgemeinschaft ihre Regeln aufzwingen wollen, obwohl sie erwiesenermassen keine Ahnung von der Materie haben und sich nicht zu blöde sind, dies durch völlig inkompetente Meinungsäusserung in der Öffentlichkeit blosszustellen. Weil sie eben, wie die bloggenden Wikipediakritiker, nicht mit Sachkenntnis, sondern mit der Empörung der Massen arbeiten (Beispiel Zugangserschwerungsgesetz mit dem entsprechenden Reizthema).
Eine Änderung der herrschenden Richtlinien kann nur erreichen, wer sich zielgerichtet an ebenjenen Diskussionen in der Wikipedia beteiligt, die solche Richtlinien herausarbeiten, oder an Prozessen teilnimmt, in deren Folge sich ein gewisser Status Quo herauskristallisiert, der in Folge pauschal angewendet wird. Daran führt kein Weg vorbei.
Diese bloggenden Wikipediakritiker sind großteils hochqualifzierte Fachleute und keine dahergelaufenden Deppen.
Das ist nicht der Punkt. Vielleicht habe ich mich da auch einfach nicht präzise ausgedrückt. Die Wikipedianer diskutieren mit anderen Wikipedianern, die Kritiker mit anderen Kritikern. Jeder zieht über den anderen her und beklagt das Unverständnis. Ein wirklich gemeinsames diskutieren findet kaum statt, beide Gruppen bleiben entweder unter sich oder entwerten die Meinungen der anderen Seite (seien es die Sockenpuppen-Verunglimpfungen in der Wikipedia oder die Zensur-Vorwürfe und Blockwart-Vokabeln auf Kritikerseite, um nur 2 Beispiele zu nennen). Außerdem gibt es meiner Ansicht nach für wirkliche Diskussionen bessere Mittel, als ein Wiki. Natürlich arbeitet die Wikipedia schon seit Jahren damit. Trotzdem ist die Frage legitim, ob es für solche Diskussionen nicht bessere Software gibt.
Mal ganz davon abgesehen, dass meiner Ansicht nach der Diskussion auf beiden Seiten eine Art "neutraler Boden" gut tun würde, im Idealfall auch moderiert von dritter Seite.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:LR
die jedem Artikel nach einem Löschantrag eine siebentägige Frist setzen, in der dann zB die Relevanz herausgestellt werden kann?
Nein, genau das meine ich nicht. Ich meine, dass man jedem (ernst gemeintem) neuen Artikel eine Frist bietet, um vom Autor und anderen verbessert zu werden, bevor ein Löschantrag gestellt werden darf. Ein Löschantrag ist immer ein destruktives Mittel. Dem vorangestellt muss aber ein konstruktives Mittel sein. Eine Möglichkeit wäre da z.B. eine Art "Aufzuchtstation" für neue Artikel, insbesondere von neuen Nutzern gibt, evtl. getrennt vom normalen Artikelraum. Für "alte Hasen" ist das Löschprozedere und der "Wikipedia-Jargon" natürlich kein Problem. Es geht mir um ähnliche Dinge, wie Kris Kröhntopp: wie integriert man jemanden, der in der Wikipedia (konstruktiv!) mitarbeiten will und einen neuen Artikel anlegt. Natürlich ist nicht jeder neu angelegte Artikel sinnvoll, aber es geht darum Neulinge automatisch so einzubinden, dass alle konstruktiven Mitarbeiter auf die richtigen Bahnen gelenkt werden. Wenn ein Neuling kurz nach Einstellung mit einem Löschantrag konfrontiert wird, ist er in vielen Fällen verloren. Daher wäre ein möglicher Ausweg ein "Artikelinkubator". Letztlich existiert natürlich einer mit dem Artikelnamensraum. Dies wird aber wiederum kaum ein Neuling kennen.
Beim Mentorenprogramm muss der Neuling von sich aus aktiv werden, das ist - meiner Ansicht nach - der falsche Weg. Das Mentorenprogramm muss zum Neuling kommen.
Letztlich ist denke ich großer Teil dessen, was an der Wikipedia kritisiert wird "Betriebsblindheit". Je besser sich jemand mit einer Software, einer Community und ihren Regeln, Umgangsformen und Gewohnheiten auskennt, desto schwerer fällt es ihm/ihr, sich in die Rolle eines "Frischlings" zu versetzen. Im Moment spiegeln viele der Kritiker der Wikipedia Gesichter von Neulingen oder Wenignutzern vor. Und soweit die Kritik konstruktiv ist, sollte sie auch ebenso aufgenommen werden.
Genau solche Ansätze wurden im Projekt längst diskutiert (z.B.: hier). Leider aber auch gleich wieder als angebliches Scheinangebot diskreditiert. Bis am Ende allen die Lust am Diskutieren vergeht. So wird es beim derzeitigen Status quo bleiben.
Die Wikipedia-Community schließt sich gegen Zensurversuche von außen ebenso zusammen wie gegen eine "alles darf rein"-Kamagne wie jetzt. Erst recht, wenn sich diese unterirdischer Mittel bedient.
Sie ist (und war wohl nie etwas anderes) lediglich ein weiteres Werkzeug der ideologischen Krigführung einer ganz bestimmten "Lobby" gegen den Rest der Welt. Wendet man bezüglich der vorgenommenen Löschungen die Gaußsche Normalverteilung an, wird die politisch-ideologische Tendenz dieses Machwerkes sehr deutlich.
Fazit:
Unseriös und das Gegenteil von hilfreich, weil alles andere als frei ...
Hella