Ich unterstelle dem Autor einfach mal, dass der Schluss des Kommentars, auf den sich auch die Überschrift bezieht, satirisch gemeint ist, wenn er schreibt:
Vielleicht liegt darin das einzige Gegenmittel zu der Gefahr, die von den Daten ausgeht: Lasst alle Daten frei. Lasst uns in Daten waten. Eine Datensintflut möge kommen und alle Lotto-Firmen, Nummerndiebe, Kontenknacker, Passworträuber und Trojaner sollen darin ersaufen.
Es kann eigentlich nur Satire sein, denn jeder, der auch nur ein wenig Ahnung von modernen Data-Mining-Methoden hat, weiß dass mehr Daten letztlich nur eine bessere Vernetzung der Daten und bessere Erstellung von Nutzerprofilen bedeutet. Es mag zwar etwas länger dauern, bis das Profil vorliegt, mit den heutigen Methoden ist dies aber kontrollier- und optimierbar. Auch jeglicher andere Datenmißbrauch funktioniert mit einem Mehr an Daten im Regelfall besser. Daher muss man von Satire ausgehen, wenn man dem Autor nicht jegliche Kompetenz in Sachen Datenschutz absprechen will.
Was mir aber viel mehr aufstieß ist die Unterüberschrift "Die deutsche Angst vor Bespitzelung nimmt absurde Züge an" bzw. deren Begründung. Burkhard Müller-Ullrich hat kein Verständnis für die Sorge vor der Speicherung immer weiterer (biometrischer) Merkmale durch den Staat. Schließlich könne die Staatsverwaltung nur funktionieren, wenn der Staat seine Bürger identifizieren könne. Unklar bleibt aber, warum er dazu unbedingt biometrische Daten benötigen soll. Eine Identifizierung eines "normalen Bürgers" funktionierte in den letzten Jahren problemlos über den Personalausweis. Sicher haben sich die technischen Mittel verbessert (wenn auch weniger, als Sicherheitsexperten uns teilweise weiß machen wollen bzw. sich wünschen). Allein diese technischen Möglichkeiten bedingen aber noch keinen höheren Bedarf des Staates nach einer "besseren" Identifizierung.
Weiter heißt es:
Es gibt offenbar zwei Deutschlands. Das eine ist jener Überwachungsstaat, vor dem Datenschützer warnen und den kein liberal denkender Mensch akzeptieren kann. Das andere Deutschland lernt man kennen, wenn man sich auf eine Polizeiwache begibt, um eine Anzeige zu erstatten oder eine Zeugenaussage protokollieren zu lassen. Dann landet man in einer Art Zeitmaschine. Die Beamten kämpfen mit vorsintflutlichem Gerät, der Funksprechverkehr lässt sich so einfach abhören, dass er auch gleich als Radioprogramm gesendet werden könnte; und wenn ein Polizist ein Foto einer verdächtigen Person braucht, dann bekommt er es erst Stunden später von der zuständigen Meldebehörde per Fax, und zwar in Form eines schwarzen Kleckses.
Wenn man bei dem "anderen Deutschland" den Bezug zum Datenschutz vermisst, dürfte es wohl daran liegen, dass kein Bezug vorhanden ist. Denn was nützen neueste biometrische Methoden, wenn die Behörden mit völlig veralteter Technik arbeiten? Letztlich spricht genau diese mangelhafte Ausstattung noch eher für die Kritik an der Speicherung biometrischer Methoden, denn wo veraltete Technik waltet, sind oft Sicherheitslücken nicht weit.
Widersinnig wird der Kommentar, wenn man den Schluss auf die weiter oben geäußerten Thesen bezieht.
Das Herumliegenlassen von brisanten Daten scheint geradezu ein Signum unserer Epoche zu werden: hier ein Laptop mit militärischen Geheimnissen im unbewachten Auto, dort eine CD mit den Sozialversicherungsnummern von halb Großbritannien.
Wenn das nicht für eine Datensparsamkeit des Staates spricht, was dann? Daten, die nicht gespeichert sind, können nicht verloren gehen. Da im Moment noch nahezu alle Fingerabdruckscanner mit geringem Aufwand überlistet werden können (siehe z.B. hier und hier), ergeben sich ganz neue Gefahren wenn biometrische Daten verloren gehen.
Es empfiehlt sich, den Beitrag von Gerhart Baum (Ex-Innenminister und an einigen Verfassungsklagen zur staatlichen Datenspeicherung beteiligt) auf Spiegel Online zu lesen. Er zeigt auf, warum der Staat aktiv gegen den Datenhandel werden muss - und seine eigene, seit den Anschlägen vom September 2001 hochgefahrene Sammelwut einschränken muss.





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