(
bewußter Verzicht auf eine Piraten-Anspielung im Titel... in der Masse sind sie eher langweilig... 
)
Schon seit dem Wochenende ist das Thema in den Blogs: auf dem Bundesparteitag der Piratenpartei wurde Bodo Thiesen als Ersatzrichter gewählt, in Rheinland-Pfalz steht er auf der Landesliste auf Platz 7. Bodo Thiesen hat im Jahr 2003 mehrfach Zweifel am Holocaust (bzw. dessen technischen Ablauf) geäußert.
2008 hat er dies wohl auf einer Mailingliste der Piraten wiederholt und wurde
daraufhin vom Vorstand verwarnt.
Im Mai veröffentlichte Thiesen eine Stellungnahme auf seiner Benutzerseite im Wiki der Piratenpartei. Eine Stellungnahme, in der er nichts zurücknahm, sondern sich rechtfertigte und darauf bestand, dass seine private Meinung nichts mit der Piratenpartei zu tun hätte.
Nach der Wahl ging es direkt durch Twitter, dann kamen
Spiegel Online, dann der
Focus, schließlich die
FAZ. Für
FIXMBR! und die
Ruhrbarone sind die Piraten nun unwählbar.
Im Wiki der Piratenpartei entstand eine Diskussion, die Stellungnahme Thiesens zu löschen, im für jedermann zugänglichen Forum der Piratenpartei wurde an mehreren Stellen über Thiesen diskutiert.
Unter dem Druck der Öffentlichkeit distanzierte sich heute der Vorstand der Piratenpartei von Thiesen und hat ihn aufgefordert, sich binnen 24 Stunden von seinen Positionen zu distanzieren.
Am gleichen Tag gingen auch
Spreeblick und - wie ich finde sehr differenziert - der
Spiegelfechter auf das Thema ein.
Um es mal klar zu machen: unwählbar sind die Piraten für mich deswegen nicht, immerhin haben sich sehr viele Mitglieder spontan gegen Thiesen ausgesprochen.
Die Satzung spricht sich klar gegen totalitäre und faschistische Bestrebungen aus. Offenbar wussten einige bei seiner Wahl auch nichts von der Vorgeschichte. Natürlich zieht eine Parteigründung auch dubiose Gestalten an. Auch die etablierten Parteien haben "Ausfälle" in ihren Reihen. Es liegt aber in der Verantwortung der Partei, solche Menschen nicht auf Ämter zu wählen.
Die Piratenpartei sollte aber einiges aus den letzten Tagen lernen.
Die Piratenpartei steht nun im Fokus der Öffentlichkeit. Eine Person mit Parteiamt kann nicht völlig abstruse Dinge von sich geben, ohne dass sie mit der Partei in Verbindung gebracht werden. Ich kann nicht (fiktives Beispiel) in meinem privaten Blog Werbung für die Piratenpartei machen, gleichzeitig aber fordern, dass man meine Meinung nicht mit der Partei in Verbindung bringt.

Würde z.B. ein CDU-Stadtrat irgendwo im Netz ähnliches von sich geben/gegeben haben, wäre ihm der Sturm der Entrüstung ebenso gewiss. Die Piratenpartei kritisiert die etablierten Parteien, dann muss sie aber auch an sich selbst höhere Ansprüche stellen als an andere.
Eine Fehleranalyse muss her. Fehler wurden eine ganze Reihe gemacht: der alte Vorstand, der nur eine Verwarnung aussprach, aber nicht bereits damals von Thiesen forderte, sich klar von seinen Aussagen zu distanzieren. Die erneute Wahl Thiesens, selbst wenn sie aus der Unwissenheit vieler geschah. Mindestens der Vorstand hätte hier die Tragweite erkennen müssen. Eine klare und unmissverständliche Distanzierung Thiesens von den Aussagen der Vergangenheit hätte zur Bedingung für eine Wahl gemacht werden müssen. Zu glauben, dass so etwas den anwesenden Journalisten nicht auffällt, ist äußerst naiv.
Der neue Vorstand hat zwar bereits am Dienstag reagiert, auch hier war das Vorgehen nicht optimal. Ein frühzeitiger Hinweis, dass der Vorstand bereits an einer Stellungnahme arbeitet hätte dem Eindruck entgegengewirkt, die Partei würde dies möglicherweise "aussitzen" wollen. Man hätte in der Stellungnahme klarer machen können (müssen?), welche "entsprechenden Maßnahmen" er im Falle einer Weigerung Thiesens ergreifen wird.
Die Partei muss aber auch in ihrem Selbstbild klarer werden. Man kann nicht jeden zur Mitarbeit auffordern, die Leute aber anfahren, wenn sie sich kritisch äußern. Im Forum der Piratenpartei kann z.B. jedeR mitdiskutieren. In der Causa Thiesen wurde aber teilweise den neuangemeldeten Nutzern vorgeworfen, sie seien einzig bewusste Störer der Konkurrenz(parteien). Hier hätte auch eine Moderation not getan, die eben nicht nur beleidigende/strafrechtlich relevante Posts löscht, sondern von vorneherein klar macht, dass andere Meinungen im Forum nicht nur geduldet, sondern erwünscht sind. Solange man keinen Beweis des Gegenteils hat, sollte Kritikern eine gute Absicht unterstellt werden. Wenn dies einigen Piraten nicht klar ist, ist es Sache der Moderatoren, dies in Erinnerung zu rufen.
Auf jeden Fall muss dem Eindruck entgegengewirkt werden,
Posts wie dieses und
dieses seien akzeptierte Meinungen in der Piratenpartei. Ein Disclaimer im Kopfbereich des Forums allein reicht hier nicht aus. Im Forum wird nicht klar, wer denn nun Mitglied der Partei ist und wer nicht. Die Leute allein an der Post-Zahl zu unterscheiden ist auf Dauer wohl kaum zielführend.
In einigen Kommentaren in Blogs entstand der Eindruck, einige (angebliche?) Mitglieder der Piraten würden die Meinungsfreiheit höher bewerten als eine Holocaustleugnung und sie sei damit mehr oder weniger legitimiert, auch wenn man sich natürlich inhaltlich von ihm distanziere. Die Kommentare (angeblicher?) Piraten in den Blogs hätten auch von Mitgliedern jeder anderer Partei kommen können: teilweise wurden lieber die Ersteller kritischer Beiträge angegriffen, als sich Gedanken darüber zu machen, ob einem hier nur die Sichtweise der Außenwelt begegnet. Betriebsblindheit gibt es auch unter Piraten...
Den
Hinweis, Thiesen würde doch nur ein nebenrangiges Amt besetzen (Ersatz-Richter), welches zudem nicht politisch sei, fand ich fast schon amüsant. Damit ist es also ok, so jemanden auf weniger wichtige Posten zu wählen? Mal ganz davon abgesehen, dass Thiesen auf der Landesliste in Rheinland-Pfalz steht (wenn er auch keine Chance hat, jemals in den Bundestag gewählt zu werden), er wurde zum Ersatz-Richter gewählt. Er würde also ins Schiedsgericht der Partei nachrücken. Sollte nicht jemand, der über andere richten soll, soweit möglich über jeden Zweifel erhaben sein? Was passiert, wenn Thiesen über einen Fall richten müsste, der ähnlich seinem ist? Jemanden, der selbst zweifelhafte Ansichten vertritt, den kann ich doch nicht zum (Ersatz-) Richter über andere bestimmen.
Ich bin gespannt, wie die Sache ausgeht. Ich bezweifle, dass Bodo Thiesen sich eindeutig distanziert oder von seinem Ämtern zurücktritt. Dies wäre aber die Lösung, die erkennen lassen würde, dass ihm die Partei und ihre Ziele wichtiger sind, als sein persönliches Ego. Bisher hat er nichts in diese Richtung erkennen lassen. Zumindest in diesem Punkt hat die Piratenpartei damit zu den etablierten Parteien aufgeschlossen: auch hier gibt es Amtsträger, die lieber Ämter anstreben und dann an ihnen kleben, als ihr Ego zurückzustellen und an das Wohl der Partei zu denken.
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